T.A. Wilrode Arcadiapost

  • T.A. Wilrode, der Schriftsteller

    Allerlei Rauch – Gedichte aus dieser und aus anderer Zeit oder Das Segantini-Projekt, einem Roman der sich lesen lässt als fröhliche Erinnerung an die Jugend und den kulturellen Aufbruch der 50/60er Jahre. Der Roman ist somit en passant auch als eine Hommage an das Gastland Schweiz zur Zeit von Leonhard Lindtberg, Lazar Wechsler, Ellen Widmann, Elisabeth Müller oder Emil Staiger, Max Frisch und Dürrenmatt sowie verschiedenen CG-Jung-Nachfolgern und der zum Star aufsteigenden Senta Berger. Sie alle  spielen, auch wenn nicht explizit und  namentlich genannt oder nur per Pseudonym eingeführt, eine Rolle  in dem Geflecht der Diskussionen und  Gespräche. Auch die Rückbeziehung auf die Vita des nach vielen Anläufen endlich  immigrierten und anerkannten Künstlers Giovanni Segantini im Theaterstück der Schweizer Autorin erweist sich im Nachhinein  als passender, nachdenklich stimmender Hintergrund. Der Roman Inselträume-Fluchtversuche führt den Leser in die Welt des geheimreisenden Grafen von Fliege mit seinem Bibliothekar und lässt ihn die Abenteuer der „beiden“ miterleben. In geheimer Eil-Botschaft legt „Fliege“ seinem alter ego und Reisegefährten, dem Bibliothekar Gottfried, nahe, die ihm hiermit zugesandten Aufzeichnungen über ihre gemeinsamen Abenteuer unbedingt zu lesen.
    In seinem Roman Fliege Cuba und andere Abenteuer schreibt der Autor T.A. Wilrode über Zwei, die aus dem Alltag und den politischen Verflechtungen der Gegenwart ausbrechen wollen, ihre Wanderung führt sie von der Nordsee bis über die atlantischen Inseln nach Cuba und zurück.

    Ich nehm’ die Luxusjacht, ein Theaterstück und Lustspiel präsentiert sich mit folgender Handlung: Im Osten soll alles umgekrempelt werden, auch die Theaterlandschaft, das gibt ein paar lustige Kontroversen um die neue Kulturpolitik. Für manche sind sie allerdings weniger lustig. Manche verlieren dabei ihre aufgesetzte Maske, andere ihren Job, manche sogar  ihren Humor. Für die meisten gibt es aber auch ein überbordendes fulminantes Spektakel.

    T.A. Wilrode, der Maler

    https://youtu.be/FMvWdxmMUeE

    T.A. Wilrode beschäftigt auch die Malerei.

    Bei aller Bemühung der Bildherstellung und Konstruktion beschäftigt ihn in jedem Fall auch immer wieder das Aufsuchen und Finden von artistisch interessanten Strukturen in unerwarteter Umgebung. Das schlägt sich nieder in den von ihm gewählten Techniken. Von der Kreide zum Öl und Acryl, vom Öl und Acryl zum Siebdruck und zur Photo-Montage und zurück zum einfachen Bleistift und zum Aquarell.

    T.K.-H. beschreibt die Kunst wie folgt:

    Malen als Liebhaberei oder Malen aus Leidenschaft?

    In ihrer Abhandlung über den  Dilettantismus bemerken Goethe und Schiller einleitend: „ … wenn sie [die Italiener ] einen sehen, der eine Kunst übt, ohne davon Profession zu machen, sagen sie: Si diletta [er vergnügt sich]“. 

    Und das ist noch keineswegs pejorativ gemeint, wie der Nachsatz erkennen lässt:„Die höfliche Zufriedenheit und Verwunderung, womit sie sich ausdrücken, zeigt dabei ihre Gesinnung an.“So also Goethe und Schiller in ihrer Abhandlung „über den sogenannten Dilettantismus oder die praktische  Liebhaberei in den Künsten“ (1799) [1]

    Und was ist der Grund für diese Zufriedenheit, dieses dilettare, zumindest beim Ausführenden?

    Es muss in jedem Fall ein großes Vergnügen sein, etwas Erkennbares wieder zu geben, zu zeichnen, zu malen, die Welt mit ein paar eigenhändig ausgeführten Strichen andeutungsweise zu spiegeln, oder  auf sie anzuspielen, sie in jedem Fall  zu „bezeichnen“.

    Eigenhändig? Vielleicht schon.  Es muss dabei eben doch etwas Persönliches dahinter stecken, bei dieser Freude, ein Bild  durch eigene Striche zu Werk gebracht zu haben, und  doch etwas  anderes als beim Fotografieren (bei aller Anerkennung  für den genialen Blick, der mit dem Klick des Auslösers besiegelt wird).

    Also Malen, Zeichnen, eigenhändig, Strich für Strich, also Bleistifte her, Farbstift, Farbtopf und  Pinsel oder was sonst noch. Die  Sammlung  von Objekten, arrangiert zu  einem Kunstwerk, soll erst später erwähnt werden,  wenn es um Abstraktes geht. [2]

    Hier geht es zunächst um die Einschränkung auf das Figurative, und da  gilt die Abbildungsfähigkeit als besonderes Zeichen der  Könnerschaft  und ihr Unvermögen als Mangel, als nicht gekonnt.

    „Mama ich habe gemalt“ (er meint: gezeichnet), sagt  ein  (mir nicht unbekannter) kleiner Junge während  einer Pause zwischen den Studio-Auftritten seiner Mutter im Atelier der „Bavaria Film“ in Geiselgasteig. „Schau mal, das bist du“ sagt er (auf dem Blatt sieht man einen eiförmigen Kopf, symbolische Kürzel von Haar, Ohren, Augen, Lippen und so weiter, also das Übliche bei Kinderzeichnungen). “Doch Mama, das bist du“, sagt er und steckt Mamas zögerndes Lob selbstbewusst ein.

    Prince Charles malt ausgezeichnete Aquaralle (englische Gentleman-Tradition), und die Mama Queen lobt ihn ebenfalls – wie einen braven Buben. Das erhebt und bestärkt – sicher auch ihn. [3]

    Goethe malte auch- und zwar gar nicht so nebenbei. Aber er beklagt  sich, dass er eigentlich nicht das Zeug zu einem Maler habe oder nicht die Zeit und die Geduld, es zu werden: … dass ich in Italien in meinem vierzigste Jahre klug genug war, um mich selbst insoweit zu kennen, dass ich kein Talent zur bildenden Kunst  habe …“, äußert er sich gegenüber Eckermann. [4]

    Ungeachtet dessen widmet er sein berühmtes Zeichenbüchlein der Prinzessin Caroline von Weimar. [5] Er war also doch nicht ganz un-stolz darauf und hätte sicher auch sonst  nie darauf verzichtet, zu erwähnen, dass er unter anderem auch male und zeichne.

    Und Eckermann selbst, der Bescheidene, der die selbstzweiflerische  Äußerung Goethes in seinen Aufzeichnungen festhält, berichtet von sich, wie er in seinen Kriegs- und Studienjahren plötzlich mit  Überraschung feststellen konnte, dass ihm eine Bild gelungen war, und mit welchen Stolz und welcher Zuversicht ihn das erfüllte. [6]

    Solche Erlebnisse kennen wahrscheinlich  die meisten. Aber nach der Schule verliert sich die Lust am eigenen „Gekritzel“ sehr schnell.

    Bei manchen hält sie sich  dagegen hartnackig, und entsprechende Personen werden sogar so etwas, das man tatsächlich „Maler aus Leidenschaft“ nennen könnte, vielleicht ein ganzes Leben lang, und zwar  gleichgültig, welchen Beruf sie ergreifen, ob als Politiker/Innen, Beamte/Innen, Ärzte/Innen oder Schauspieler/Innen.

    Und bei einzelnen stellt sich sogar irgendwann unerwarteter Erfolg ein und öffentliche Anerkennung. Aber das war und konnte nicht ihr Haupt-Anliegen gewesen sein –  außer dem natürlichen Wunsch nach Anerkennung im privaten Kreis von Freunden und vielleicht Kunstverständigen.

    Also Malerin oder Maler nicht aus Karrieregründen, sondern sozusagen um der Sache selbst willen. Aber wie nennt man diese Sorte? Welcher Kategorie sollte man sie zuordnen?

    Autodidakt/Innen

    Nebenberufliche Maler/Innen

    Gelegenheitsmaler/Innen

    Maler/Innen von Reisezeichnungen

    Gentleman – Maler/Innen?

    Hinter all diesen Zuweisungen lauert die – keineswegs immer verdiente – Negativ-Bedeutung  des Dilettantismus: Guter Wille – aber technisch oder geschmacklich ungenügend.

    Dilettantismus, scheint allerdings ein unerschöpfliches Thema, Goethe und Schiller haben sich offenbar schon daran die Zähne ausgebissen.

    Sie verstiegen sich trotz vieler erhellenden Bemerkungen schnell in allerlei  Postulate, (wer ein Dilettant genannt werden könne, wer es sein dürfe, ob Dilettantismus schädlich oder nicht sei für die Bildung, für die Gesellschaft usw.), dabei stellten sie Forderungen auf, die ihren eigenen Dilettantismen widersprachen, und sie ließen ihre Abhandlung  schließlich ruhen.

    Hervorzuheben bleibt aber in dieser etwas pedantischen Abhandlung  doch auch eine Äußerung, die über alle handwerklichen Definitionen hinausgeht und die  aufs Inkommensurable der Kunst weist: „Der Künstler wird geboren. Er ist eine von der Natur  privilegierte Person.“ [7]

    Das eröffnet  allerdings einen weiten Himmel für schöpferische Aktivitäten und ihre Variationen.

    Es gibt dementsprechend in ihrem Aufsatz eine interessante Aufzählung der Vielfalt von Künstlertypen  und Spielarten der Kunstausübung.

    Interessant wäre übrigens auch, was Goethe und Schiller über satirische und komische Genres gesagt hätten: Zum Beispiel über Rodolphe Toepffer  und seine Bilderromane, die Goethe selbst noch im Alter mit Vergnügen durchblätterte. [8]

    Man wüsste auch gern, wie er Wilhelm Busch als Textgestalter und Zeichner gesehen hätte und andere Autoren der „Fliegenden Blätter“,  und damit wäre man schon bei den Doppel-Begabungen angelangt, als besonderem Problem der Einordnung:

    Die Reihe der Doppelbegabungen die eben nicht „eine Profession“ aus ihrer Malertätigkeit machen wäre lang und kann nur höchst unvollständig angedeutet werden: Da wäre im 19. Jahrhundert  unter anderen zu nennen Adalbert Stifter als Epiker und Maler, und dann später Arnold Schönberg als Musiker und Maler, auch Herman Hesse als Dichter und Aquarellist oder Günter Grass als Multitalent oder Armin Müller-Stahl als Schauspieler und Maler.

    Der ganzen Reihe von nebenher malenden berühmten Frauen müsste man sowieso ein extra-Kapitel widmen, das aber hier den Rahmen sprengen würde, es ist in Vorbereitung. [9]

    Selbstverständlich bleibt bei allen Variationen auch der Doppeltätigen die Verehrung der technischen  Meisterschaft ein Kern der Anerkennung. Aber auch  die Anerkennung des zeichnerischen Aperçu, der witzigen Karikatur hat immer gegolten.

    Oder  sollte man Farbklekse von Miró (zweifellos genial) ausklammern oder Krakeleien von Cy Twombly? [10]

    Abgesehen davon: Leicht  hingeworfene zeichnerische Genieblitze von begabten Persönlichkeiten (u.a. übrigens von Schiller selbst) gab es schon immer.

    Aber das Postulat der überragenden bildnerisch-technischen Qualität, etwa  im Sinne der ungeheuerlichen Raffinesse der Altmeister, war lange alleingültig und  verpflichtend für ein bestimmtes Genre der repräsentativen Malerei. Und die ist sicher nur mit hingebungsvoller lebenslanger Hauptbeschäftigung verbunden, aber wo bleiben der Apotheker Spitzweg oder der spätere Carl Blechen oder die Variante des Zöllners Rousseau?

    In jedem Fall  greift die Abgrenzung des Dilettantentums mit dem Hinweis auf eine nicht professionell betriebene Tätigkeit deutlich zu kurz, und die immer anklingende Beziehung auf das Kriterium  „Beruf“ ( z.B.  „Maler von Beruf“) reicht  offenbar nicht aus für den Ausweis anerkannter „hauptamtlicher“ Künstlerschaft. [11]

    Auch die  Festlegung auf ein bestimmtes Sujet, eine durchgehende Malweise, die konstante beharrliche Behauptung eines malerischen Ideolekts („Eigensprachlichkeit“), oft über die Spannen eines  ganzen Kunstschaffens, eines ganzen Leben hinweg (van Goghs Strichmanier, Mondrians ewige Becher und Vasen, Modiglianis Akte, Chirico Schatten) – auch  das ergibt nicht automatisch den Ausweis der Künstlerschaft.

    Also, was bleibt?

    Letztlich bleibt immer wieder der Rekurs auf den rätselhaften Charakter des ästhetischen Urteils:

    „Gefällt mir oder nicht, spricht mich an oder nicht“, so die erste Reaktion bei der Betrachtung eines Bilds. Soll man sie  in ihrer schlichten Gradheit übel nehmen? Erwartet man lieber geistreiche Wortakrobatik wie anlässlich  so vieler Vernissagen?

    Warum überhaupt so viel Worte?

    Lieber Zuspruch und Anerkennung, oder auch Ablehnung, aber von mir aus mit einem Glas Sekt in der Hand, wenn’s erlaubt ist.

    In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch mit viel Zuspruch und Anerkennung für T.A. Wilrodes Bildschaffen.

    Dein alter ego T.K-H.  [12]

    Anmerkungen

    [1]  Goethe/Schiller: Über den sogenannten Dilettantismus oder die praktische Liebhaberei in den Künsten 1799. Goethes sämtliche Werke, Cotta: Stuttgart Tübingen 1857, Bd.32.

    [2] Die  Sammlung  von Objekten, arrangiert zu  einem Kunstwerk, gehört auch dazu, aber die Assemblage und Ähnliches, soll erst später an die Reihe kommen, wenn es um Abstraktes geht.

    [3] HRH Prince of Wales: Prince Charles. Aquarelle. Eulenverlag o.O.,o.J.Vgl. das Vorwort der Queen.

    [ 4] Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in seinen letzten Jahren. Reclam: Stuttgart 1998, S. 371, zum 8.April 1829.  

    [5] Johann Wolfgang Goethe: Reise -, Zerstreuungs- und Trost Büchlein. 1806-1807. Inselverlag: Frankfurt 1979.

    [6] Eckermann, Gespräche a.a.O., S. 18 f.

    [7)] Goethe Schiller, Dilettantismus a.a.O.

    [8]  Vgl. Thomas Kuchenbuch: Bild und Erzählung. Geschichten in Bildern. Vom frühen Comic Strip zum Fernsehfeature. MAKS Publikationen: Münster 1992, S. 70 ff.

    [9] Der ganzen Reihe von nebenher malenden berühmten Frauen müsste man ein extra-Kapitel widmen, das hier fehlt, weil es gerade Vorbereitung ist –  gemeint sind hier also nicht die verehrten Meisterinnen und Ikonen wie  etwa Angelika Kaufmanns, Berthe Morisot, Frida Kahlo, Paula Modersohn-Becker und viele andere, die mir lieb und teuer sind  wie etwa Karin Kneffel … sondern die nebentätig Malenden und Zeichnenden.

    [10] Man sollte sich nicht vergreifen an dem, was die Galeristen heilig sprechen – aber  sicher ist auch oft der lästerliche  Satz zu hören (mit dem übrigens Lessing, der die Funktion der Kritik immer hochhielt, gar nicht einverstanden gewesen wäre): Kunst ist, was die Kunstkritiker dazu machen, was sie behaupten, Kunst zu sein.

    [11]  Ein gutes Beispiel für eine lebenslange Nebentätigkeit als Maler wäre der Altertumsforscher, 1848er Wahlmann, und preußischer Justizrat Franz II Kuchenbuch (vgl. Wikipedia-Eintrag Franz Kuchenbuch). Obwohl für die juristische Laufbahn bestimmt, durfte er schon als Jugendlicher bei bekannten Erfurter Malern (wie Nikolaus Christian Heinrich Dornheim) Unterricht nehmen, um die historischen Denkwürdigkeiten der Stadt bildlich festhalten zu können. Nach seinen Veduten und Stadtansichten  wurden sogar später architektonische Restaurierungen vorgenommen, z.B. an der durch Luther berühmte Augustiner Kirche (Ölgemälde von 1848). Weitere Gemälde und Zeichnungen von Stadtansichten befinden sich im Erfurter Angermuseum.

    [12]  T.K-H bedeutet: Thomas Kuchenbuch-Henneberg